Ich fand Geschichten schon immer spannend, bei denen Scrum (oder jeder andere agile Prozess) außerhalb der Softwareentwicklung angewendet wird. Als Martin Lapointe mir davon erzählte, dass er und seine Familie Scrum – und vor allem ein Task Board – nutzte, um seinen Umzug von Paris nach Montreal zu managen, bat ich ihn, diese Geschichte zu erzählen. Ich denke Sie werden sie genauso interessant, amüsant und informativ finden wie ich. -Mike Cohn

Mit Scrum ab nach Paris!

Seit ich das “agile Manifest” für mich entdeckt habe, versuche ich seine Grundprinzipien in meinem Alltag anzuwenden, um auch außerhalb des Büros einige Prozesse verbessern zu können. In diesem Sinne startete ich mit meiner Familie in ein agiles Abenteuer und wir bekamen Resultate, die wir niemals erwartet hätten.

Schon als Kind wollte ich wissen wie es ist, in einem fremden Land zu leben. Besonders fasziniert war ich von Europa und seinen unterschiedlichen Kulturen. Im Jahr 2011 habe ich mit meiner Frau Pascale und meinen zwei Töchtern, Elisabeth und Sarah, beschlossen, diesen Traum wahr werden zu lassen.

Carpe Diem (Nutze den Tag)!

Im Zeichen unseres Familienmantras machten wir uns also auf und zogen von Montreal nach Paris.

Wie es zu erwarten war, wenn eine vierköpfige Familie aus einem großen Haus in eine kleine Pariser Wohnung zieht, war der Umzug ziemlich anstrengend und chaotisch. Quasi direkt nachdem wir gelandet waren fing ich meinen neuen Job als Scrum Master in einem Telekommunikationsunternehmen an und Pascale machte sich mit ihrer neuen Rolle als Product Owner unseres Haushalts bekannt. Unsere beiden Töchter fanden sich schnell mit dem Pariser Leben und dem Schulsytem zurecht.

Die folgenden zwei Jahre gingen rasend schnell vorbei und ehe wir uns versahen, mussten wir unseren Umzug zurück nach Kanada planen.

Im Nachhinein hätten wir uns gewünscht, unseren Umzug nach Paris damals besser vorbereitet und organisiert zu haben. Als nun der zweite Umzug anstand, überlegten wir, wie wir das alles besser angehen konnten.

Das Erstellen der To-Do-Listen, die alle vor dem Tag X abgearbeitet werden mussten, war ziemlich emotional. Es kamen immer mehr Aufgaben hinzu und wir fragten uns, wie wir das alles schaffen und trotzdem eine gute Work-Life-Balance aufrecht erhalten könnten. Immerhin wollten wir auch den Rest unseres Aufenthalts in Europa so schön wie möglich gestalten.

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Könnte Scrum die Lösung sein?

Eines Abends beschlossen wir, etwas neues zu versuchen. Könnte Scrum die Lösung sein? In diesem agilen Ansatz versuchen wir aus Erfahrungen und Fehlern zu lernen, also warum sollte sich das nicht auch auf unseren großen Umzug anwenden lassen?

Ich hatte schon einige gute Erfahrungen mit Scrum in Teams sammeln können, die nichts mit IT zu tun hatten. Also dachte ich: “Warum sollte das mit meiner Familie nicht auch gehen?” Mit Post-Its und Stiften bewaffnet versammelten wir uns daraufhin im Schlafzimmer und wollten einen Backlog anlegen.

Elisabeth fragte mich direkt: “Was ist denn ein Backlog?” Ich antwortete: “Alles was wir noch machen müssen, bevor wieder aus Paris wegziehen.” Dann fragte sie, ob wir das Karussell am Eiffelturm zum Backlog hinzufügen könnten. Natürlich taten wir das.

Meine Frau fragte daraufhin, ob wir auch das Rausbringen des Mülls hinzufügen könnten. Also machten wir auch das. Innerhalb von Sekunden waren alle damit beschäftigt, Stories auf Post-Its zu schreiben. Weil Sarah noch nicht schreiben konnte, malte sie ihre Story: ihre Lieblingssüßigkeit aus Paris, Macarons von Pierre Hermé.

An dem einen Abend trugen wir über 50 Stories zusammen. Sie waren bei Weitem nicht perfekt. Es gab keine Bewertungen oder Kriterien, die erfüllt werden mussten, aber die Kinder waren begeistert und voll dabei und das war die Hauptsache.

Als nächstes fragten wir uns: “Was können wir tatsächlich in einer Woche schaffen?” Meine Frau wollte die gesamte Hausarbeit in den Backlog aufnehmen. Die Kinder wollten natürlich alles mögliche hinzufügen, was Spaß macht. Und ich wollte die Touristenattraktionen aufnehmen, die wir uns bisher noch nicht angeschaut hatten.

Wir nahmen uns also eine kleine Tafel und teilten sie in drei Spalten auf: “To do”, “Ongoing” und “Done”. Dadurch konnten wir immer sehen, was wir noch erledigen mussten, was aktuell anstand und was schon erledigt war. Es wurde knallhart verhandelt, doch am Ende hatten Elisabeth und Sarah die meisten Stories (keine Sorge, wir Eltern waren in den nächsten Iterationen an der Reihe). Die erste Iteration sollte also beginnen.

Wir spürten die Dynamik von Scrum, einigten uns auf einwöchige Iterationen (Sprints) und nutzten die Wochenenden, um die jeweils nächste Iteration zu planen. Jeden Morgen kamen wir kurz zusammen (Daily Standups) und jedes Mal freuten sich die Kinder darauf, die Post-Its hin und her schieben zu können. Wir hatten noch nie zuvor so viele Aufgaben so schnell und mit so viel Freude, Leichtigkeit, Verständnis und Klarheit erledigt!

Mit Scrum waren wir in der Lage, den gesamten Putzplan, die administrativen Aufgaben und einige Museumsbesuche abzuhaken, ohne dass es Probleme gab. Scrum hatte auch für unsere Familie super funktioniert und half uns dabei, die Übersichtlichkeit und die Prioritätensetzung bei solch großen Herausforderungen zu verbessern!

Auf diese Weise konnten wir unsere letzten Tage in Paris besonders genießen und werden sie nie vergessen.

Scrum hatte auch für unsere Familie super funktioniert

Als wir zurück in Montreal waren, hatten wir das Gefühl, dass etwas fehlt… Es war Scrum! Als wir das bemerkten, machten wir direkt einen neuen Backlog und stellten ein Scrum Board in der Küche auf. All unsere Aktivitäten sind jetzt gut sichtbar und werden jeden Morgen beim Frühstück auf den neuesten Stand gebracht.

Und wenn wir eines aus dieser Erfahrung gelernt haben, dann ist es, dass wir stolz sind, eine agile Familie zu sein!

 

Dieser Text stammt aus dem Blog von Mike Cohn und wurde von uns ins Deutsche übersetzt.

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